Der SVP Sales NCE bei Nagra sieht das Internet als einen entscheidenden Verbreitungsweg, auf dem die Weitergabe kopiergeschützter Inhalte zukünftig einen Mindestschutz erfordert. Daher geht für Holger Ippach der Trend zum verschlüsselten Free TV.
Herr Ippach, sollten ARD und ZDF aus Ihrer Sicht attraktive Film- und Sportrechte künftig den privaten Sendeanstalten überlassen oder die geforderte Grundverschlüsselung seitens der Rechteinhaber umsetzen, um in diesem Bereich konkurrenzfähig bleiben zu können?
Holger Ippach: Nun, wir werden natürlich keinem Sender Vorschriften in Sachen Programmgestaltung machen. Wie sich aber im Moment in Gesprächen mit Industrie und Entscheidern der Branche herausstellt, kommt man als Sender mit dem Anspruch, attraktive Inhalte aus beispielsweise Film und Sport zeigen zu wollen, um die Sicherstellung eines Kopierschutzes nicht herum.
Wie stehen Sie zum Thema Grundverschlüsselung? ARD und ZDF wären in diesem Fall nur über eine spezielle „Smartcard“ zu empfangen, die ähnlich wie in Österreich (ORF) oder der Schweiz (SRG SSR) zwar ohne monatliche Gebühren, aber nur an Bürger mit offiziellem Wohnsitz im eigenen Land gegen eine einmalige Gebühr ausgegeben wird. Hintergrund ist, dass auf diese Weise die Empfangbarkeit im Ausland unterbunden und so die eingekauften Rechte auf den deutschen Markt beschränkbar sind, was die Kosten senken kann.
Ippach: Grundsätzlich finden wird dieses Thema gut und richtig, in jedem Fall für den Verbreitungsweg Satellit. Hierbei spielt die dadurch mögliche geografische Abgrenzung eine Hauptrolle, denn Satelliten machen an Ländergrenzen nun einmal nicht halt. Die angesprochenen Beispiele für verschlüsselte Angebote im Ausland zeigen auch, dass eine Verschlüsselung die Grundlage für eine faire Art und Weise des Programmrechteerwerbs sein kann. Welches Modell bei der Entschlüsselung durch den Zuschauer zum Einsatz käme, ist eine nachgeordnete Frage mit unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten.
Wie sollen/können ARD und ZDF beim Festhalten an einerunverschlüsselten Ausstrahlung in der Zertifizierung weltweitsicherstellen, dass internetfähige Endgeräte – bis hin zu Kühlschränken -kopiergeschützte Inhalte aus Deutschland nicht empfangen? Wird diesgegebenfalls eine Aufgabe für die deutsche Politik werden?
Ippach: Ohne den Mindestschutz durch eine DRM-Lösungist eine kopiergesicherte Verbreitung im Internet nicht zukunftsfähig.Nagra bietet mit seiner Persistant Rights Management Lösung z.B. einenWeg, Inhalte Verbreitungsweg übergreifend zu schützen. Durch denerfolgreichen internationalen Einsatz, können wir die Möglichkeiten undErgebnisse eines solchen Ansatzes sehr gut Beurteilen.
Die Politik sehen wir vielleicht mit Fragestellungen bezüglich desAuftrags und des Selbstverständnisses des öffentlich-rechtlichenRundfunks konfrontiert. Zur Zeit weist die Situation in eine relativeindeutige Richtung: Das Internet ist ein entscheidender Verbreitungswegfür Inhalte im Allgemeinen, besonders jedoch für umfassende undobjektive Information durch Nachrichtenberichterstattung, einemwesentlichen Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Auftrages. Kommenbreite, attraktive, hochauflösende Unterhaltungsangebote hinzu, bedarfes einer Sicherstellung des Kopierschutzes nach den Anforderungenderjeniger, die diese Inhalte liefern. Alles spricht für das Model sowieden bereits geprägten Begriff eines verschlüsselten Free TV.
Wie erklären Sie sich, dass ARD und ZDF seit Jahren gebetsmühlenartig einen Verzicht auf Grundverschlüsselung postulieren, obwohl Ihnen diese in Verhandlungen mit Rechteinhabern immer wieder nahegelegt wird?
Ippach: Wir kennen die Inhalte der Verhandlungen selbstverständlich nicht. Fest steht allerdings auch, dass durch eine Verschlüsselung die genauere Ermittlung der Reichweite möglich wäre und somit eine Messgröße für die entsprechenden Sender zementiert würde.
Wie können ARD und ZDF sicherstellen, dass der Gebührenzahler auch künftig Filme „erster Klasse“ bei ARD und ZDF sieht?
Ippach: Die Ausstrahlung von Inhalten erster Klasse und insbesondere von HD Inhalten müssen die gestiegenen Anforderungen der Rechteinhaber erfüllen. Das ist aus unserer Sicht am besten, wenn nicht ausschließlich, durch eine Verschlüsselung umsetzbar.
Befürworten Sie angesichts der neuen Entwicklungen bezüglichder Rechteinhaber ein „Weiter so“ bei ARD und ZDF – quasi einendeutschen Sonderweg?
Ippach: Mit der Verfolgung des CPCM Standards alsLösung sehen wir ARD und ZDF auf einem von anderen Ländern isoliertemWeg. Die Annahme der Sender basiert auf dem Mitziehen derinternationalen Endgeräteindustrie. Da der deutsche Markt ein sehrwichtiger, aber bei weitem nicht der einzige ist, sehe ich momentankeine Chance, alle Hersteller von Endgeräten entsprechend einzubinden.
Halten Sie die Marktposition von ARD und ZDF im europäischenMarkt für groß genug, um sich dauerhaft gegen eine solcheVerschlüsselung zu sperren, die bereits in sämtlichen großenNachbarmärkten (Österreich, Schweiz, Großbritannien, Italien,Frankreich) praktiziert wird?
Ippach: Das ist zunächst keine Frageder Größe, sondern eine nach der Möglichkeit, die im Vergleich zu einerverschlüsselten Ausstrahlung des Programms entstehenden Mehrkostenumzulegen. Stößt man bei der Umlegung der Kosten an eine Grenze, bleibtim Grunde nur die Stellschraube Qualität.
Welche regulatorischen Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nachumgesetzt werden, wenn ARD und ZDF eine kopiergeschützte Plattform -egal ob mit oder ohne Verschlüsselung der Inhalte – aufbauen?
Ippach: Zunächst gibt es in Deutschland bereitsbestehende, bei Zuschauern und Industrie etablierte Plattformen, welchenman mit einem bestimmten Maß an Mindestanforderungen zur Verbreitungder eigenen Angebote begegnen könnte. So stünden alle notwendigenregulatorischen Maßnahmen bei Gründung einer neuen Plattform erst garnicht zur Debatte. Ob und inwieweit die Plattformen das genauso sehen,können wir aber nicht beurteilen.
Herr Ippach, vielen Dank für das Gespräch.[ar]
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