
Leipzig – Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, hat die Einführung des Privaten Rundfunks in Deutschland vor 25 Jahren als „Sündenfall der Republik“ bezeichnet.
Im Interview mit DIGITAL FERNSEHEN erläutert er nun, was ihn zu dieser Aussage bewogen hat, wie er zu Erfolgsformaten wie „Ich bin ein Star holt mich hier raus!“ steht und welche Maßnahmen nötig sind, um die öffentlich-rechtlichen Sender vor einer „Verflachungsspirale“ zu bewahren.
DIGITAL FERNSEHEN: Herr Staeck, Sie haben die Einführung des Privaten Rundfunks in Deutschland vor 25 Jahren als „Sündenfall der Republik“ bezeichnet. Was hat Sie zu dieser polemisierenden Aussage bewogen?
Klaus Staeck: Sündenfall deshalb, weil ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch für eine der bedeutendsten demokratischen Errungenschaften der Bundesrepublik halte, die es zu verteidigen gilt.Dieses System wurde eingeführt, um den Gebühren zahlenden Zuschauern und Zuhörern eine Garantie auf Bildung, Kultur und Unterhaltung in den Programmen zu geben. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk steht vor allem aber für unabhängigen Journalismus, für eine Berichterstattung, die seriös politische Prozesse begleitet und durchleuchtet.
Wichtigstes Ziel des Privaten Fernsehens ist es von Anfang an, die Zeit zwischen zwei Werbeblöcken so zu füllen, dass die Zuschauer dranbleiben. Egal um welchen Preis der Ethik und des schlechten Geschmacks – um es mal auf den Punkt zu bringen. Dass dann immer noch in 25 Jahren auch Sehenswertes entstanden ist und Talente sich entwickelt haben, war offenbar unvermeidbar. Zum Vorwurf der Polemik – das trifft mich nicht, denn was wir in den letzten Tagen bei RTL erlebt haben, hat zum Glück viele Kritiker auf den Plan gerufen, die mit schärferen Formulierungen als ich sie bisher gebrauchte, am Verstand der Programmverantwortlichen gezweifelt haben.
DF: Das Angebot der Privatsender wird in erster Linie durch die Nachfrage der Zuschauer bestimmt. Urteilen Sie daher nicht etwas anmaßend, wenn Sie das mangelnde Niveau beklagen? Schließlich scheint es ja so zu sein, dass eine große Anzahl von Zuschauern nach „flachen“ Inhalten verlangt?
Klaus Staeck: So ist es zweifellos, sonst hätte ja auch die Bild-Zeitung Probleme, die Auflagenhöhe zu halten. Warum aber sollte es anmaßend sein, sich überdas Niveau eines Medienangebots Gedanken zu machen, das tagtäglich von Millionen konsumiert wird? Wenn Dschungelcamp allein bei einem jungen Publikum auf 32 Prozent Marktanteil kommt (über zehn Prozent mehr als beim Gesamtpublikum!), darf man sich doch wohl Gedanken darüber machen, welches Welt-, Werte- und Menschenbild hier vermittelt wird, wie mit Ekel und sinnlosem Körpereinsatz der Voyeurismus bedient wird. Die Moderatorin ist sogar an einem Abend so weit gegangen, einen Kandidaten mit einem KZ-Häftling zu vergleichen (mit Anspielung auf die Befürchtung, die Rote Armee könnte die Camp-Insassen befreien…). Wer so viel politische Instinktlosigkeit öffentlich verbreiten darf, sollte sich dafür auch verantworten müssen.
DF: Sie haben gefordert, „dass Rundfunk wie auch politischer Journalismus in der Presse nicht in die Hände von Renditejägern gehört“. Was genau meinen Sie mit dieser Aussage und wen sprechen Sie damit an?
Klaus Staeck: Ich hänge immer noch der Vorstellung an, dass die Medien eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit haben. Vor wenigen Tagen erst wurde noch einmal bestätigt, dass der Politikanteil im Privatfernsehen weiter gesunken ist – auch Ihr Onlineportal brachte diese Nachricht. Offenbar verkauft sich Werbung im Umfeld ernsthafter politischer Information nicht gut genug. Und welche Folgen die Renditejagd der Mecom-Gruppe für die Berliner Zeitung, ein erfolgreich verteidigtes Stück Qualitätsjournalismus, beinahe gehabt hätte, wäre Mr. Montgomery nicht Gott sei Dank die Luft und das Vertrauen der Gläubiger ausgegangen, das hätten die Leser ja beinahe erlebt.
DF: Sie haben die öffentlich-rechtlichen Sender vor einer „Verflachungsspirale“ gewarnt. Durch welche Maßnahmen kann diesem Trend entgegengewirkt werden? Welche Programme der Öffentlich-Rechtlichen laufen Ihrer Meinung nach Gefahr, zu populistisch zu werden oder sind es bereits?
Klaus Staeck: Das Problem ist, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender dem vermeintlichen Quotendruck hingeben, dem sie sich durch die Konkurrenz der Privaten ausgesetzt fühlen. Gerade in der Hauptsendezeit ist seit Jahren zu spüren, wie der Blick auf die Quote die Programmpolitik und Programmplanung bestimmt. Für mich – und da spreche ich auch für die Mehrzahl der Mitglieder der Akademie der Künste – ist nicht hinzunehmen, wie ARD, ZDF und zunehmend auch die Dritten die künstlerisch anspruchsvollsten Programmbestandteile in Richtung Arte, 3 Sat oder auf dem eigenen Kanal in die tiefe Nacht abschieben.
Immer wieder werden wir von Redakteuren, Dramaturgen, Autoren und Regisseuren angesprochen, die mit ihrer Kritik an der laufenden Praxis und an der Preisgabe von Qualitätsmaßstäben zu Gunsten der geheiligten Quote ins Leere laufen. Es wäre eine fatale Entwicklung, wenn die Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Anstalten das Fernsehen als wichtigstes Medium der Alltagskultur nicht mehr ernst genug nehmen würden. Tendenzen des Populismus, der Formatierung, der Verdrängung wichtiger Programme in Randzonen und des Hineingleitens in eine Verflachungsspirale werden nicht nur von Medienwissenschaftlern diagnostiziert. Es gibt auch noch anspruchsvolle Zuschauer, die mehr als „Zerstreuung“ erwarten, auch wenn Herr Thoma dies in jedem Interview leugnet.
DF: Was halten Sie von Formaten wie „Ich bin ein Star holt mich hier raus!“ oder „Deutschland sucht den Superstar“, die beide bei RTL – übrigens sehr erfolgreich – laufen?
Klaus Staeck: Zu „Ich bin ein Star…“ siehe oben. Zu Dieter Bohlen fällt mir nichts Originelles mehr ein – jeder Satz wäre zu viel der Ehre.
DF: Beiden Formaten wird vorgeworfen, sogenanntes „Prekariatsfernsehen“ zu sein. Die aktuelle Staffel der Dschungelshow, die gerade bei RTL lief, ist laut einer Gfk-Studie auch bei Zuschauern mit höheren Bildungsabschlüssen äußerst beliebt. Wie erklären Sie sich das?
Klaus Staeck: „Prekariatsfernsehen“ ist ein wirklich zynischer Begriff. Wer aus dem Arbeitsprozess hinausgeworfen wurde und zwangsläufig im Fernsehsessel gelandet ist, um das Übermaß unerwünschter Freizeit auszuhalten, sollte nicht auch noch verspottet werden.
Und jene Zuschauer höherer Bildung würde man vielleicht auch als Gaffer bei öffentlich und medial zelebrierten Scheinhinrichtungen wiederfinden. Warum ist bisher noch keiner auf dieses Programmformat gekommen? So viel zu den Abgründen der menschlichen Seele. Sie sollten nicht zum Legitimitätsausweis der Dschungel-Camper veredelt werden. Das Bedürfnis nach Niedertracht ist nicht auf bestimmte Bevölkerungsgruppen beschränkt.
DF: Der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Christoph Waitz, hat Sie für Ihre Aussagen über den privaten Rundfunk kritisiert und erklärt, dass werbefinanzierte Rundfunkveranstalter darauf angewiesen seien, Sendungen zu produzieren, die einen Massengeschmack treffen und das richtige Werbeumfeld schaffen. Wie halten Sie dagegen?
Klaus Staeck: Er magRecht haben, so weit er sich als Verteidiger der werbetreibenden Wirtschaft sieht. Ich bin nun mal der Verteidiger des öffentlich- rechtlichen Rundfunks als Teil unserer Demokratie.
DF: Das duale System in Deutschland bietet auch Vorteile, da so ein Wettbewerbsverhältnis zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen entsteht, das als produktive Herausforderung gesehen werden kann. Kann man Ihre Aussage vom „Sündenfall der Republik“ dahingehend auslegen, dass Sie nichts vom dualen System halten?
Klaus Staeck: Ich habe von Anfang an die Gefahren gesehen, die von einem nur auf Rendite orientierten Eingriff in die Massenmedien ausgehen. Nicht das duale System ist der Sündenfall sondern der Niedergang, den die Privatsender in Sachen Journalismus und Ethik eingeleitet haben. Und in einem Wettbewerb nach unten kann ich nicht gerade einen produktiven Schub für die Qualität entdecken.
DF: Wie sollten denn Ihrer Meinung nach die privaten Sender ihr Programm gestalten?
Klaus Staeck: Sich in der Demokratie entscheiden zu können, setzt seriöse Informationen über oft komplizierte Sachverhalte voraus. Es wäre gut, wenn sich die Programmverantwortlichen der Privatsender wenigstens gelegentlich an diesen Grundsatz erinnern würden. Schließlich reden wir nicht ohne Grund von den Medien als der „Vierten Gewalt“. Daraus erwächst eine entsprechende Verantwortung.
DF: Herr Staeck, vielen Dank für das Gespräch. [cg]
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