
Kabel Deutschland will dieses Jahr durch Umsatzsteigerungen und Zukäufeweiter wachsen. Die Übernahme der Primacom wäre so einfach wie noch nie zu realisieren.
Europas größter Kabelnetzbetreiber, Kabel Deutschland, will seinen Wachstumskurs weiter fortsetzen. KDG-Finanzchef Paul Thomason plant die Nettoschulden des Unternehmens bis Ende des Jahres auf eine Höhe des 3,5- bis 4-fachen operativen Ergebnisses (EBITDA) zu senken. „Wir liefern solides Wachstum und bauen gleichzeitig schnell Schulden ab, um wie angekündigt Dividende zahlen zu können“, so Thomason in einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“. Die KDG ging Ende März an die Börse und wurde zuletzt in den MDAX aufgenommen.
Der Finanzchef bestätigte, dass die KDG Interesse an einer weiteren Konsolidierung der Branche hat. Besonderes Interesse zeigte Thomason am ostdeutschen Netzbetreiber Primacom. Thomason kennt die Primacom wie kein anderer. Er selbst war dort bis Ende September 2002 in gleicher Position tätig und plante auf KDG-Seite bereits 2004 und 2007 deren Übernahme. 2004 verhinderten die restlichen Aktionäre die Verramschung des Unternehmen für 25 Cent je Aktie und tauschten den Vorstand aus. 2007 wollte Kabel Deutschland dann der Escaline-Tochter Orion Cable die Primacom AG streitig machen. Dr. Andreas Siemen, Direktor Corporate Development der KDG, definierte damals in einer außerordentlichen Hauptversammlung als wahren Wert der Primacom pro Aktie bei 15 Euro. Und auch 2009 sah sich die KDG als „natürlicher Käufer“ der Primacom, falls der damalige Hauptgesellschafter Escaline einige Netze hätten verkaufen müssen.
Die Primacom, die 1999 als erste deutsche Kabelaktie an die Börse ging, hat turbulente Wochen hinter sich, von denen sie sich noch nicht erholt hat. Ende Mai ging Vorstand Michael Buhl, weil seine ausgehandelte Finanzierungslösung zwischen Eigentümern und Kreditgebern vom Mehrheitsaktionär Escaline nicht akzeptiert wurde. Selbst Aufsichtsräte und Insolvenzverwalter bezweifeln inzwischen, dass die anschließende Vorstandwahl von Sebastian Freitag zum vorübergehenden Chief Restructing Officer rechtswirksam war, da sie nicht die erforderliche Mehrheit im Aufsichtsrat erhielt und in Wildwest-Manier verheerende Fakten geschaffen wurden. Die Banken stellten daraufhin Kredite in Höhe von 30 Millionen Euro fällig und zogen ihr Pfandrecht am kompletten operativen Geschäft. Sie erzwangen damit die Insolvenz der Holding Primacom AG. Die Aktionäre wurden enteignet und die Primacom Management GmbH, in der das operative, hoch profitable Kabelgeschäft gebündelt ist, wurde vom Insolvenzverwalter mit Zustimmung der Banken an die Luxemburger Medfort S.a.r.l. weiterverkauft.
Die Übernahme der Primacom als GmbH wäre für die KDG um einiges einfacher als die früher notwendige Übernahme der AG. Es müsste nur noch mit einem Eigentümer verhandelt werden anstelle eines öffentlichen und teuren Übernahmeangebotes einer AG. Auch hätte man mit der Insolvenz neue Argumente für das Bundeskartellamt, das sich einer Konsolidierung dieser Art bisher immer in den Weg gestellt hat. [sh]
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