
Mit der Abschaltung seiner Sender in München hat RTL seinen DVB-T-Ausstieg ins Rollen gebracht. Bei den Kölnern sieht man kaum eine Perspektive für den digitalen terrestrischen Übertragungsweg. Die Kölner Sendergruppe hatte sich mit ihrer DVB-T-Strategie schon lange in eine Sackgasse manövriert.
Am gestrigen 1. August hat die Mediengruppe RTL mit ihrem Abschied aus dem digitalen terrestrischen Fernsehen in Deutschland begonnen. Im Großraum München sind die Sender RTL, Vox, RTL2 und Super RTL ab sofort nicht mehr via DVB-T zu empfangen. Bekannt gegeben hatte die Mediengruppe ihren vollständigen Rückzug aus der terrestrischen Programmübertragung bereits im Januar. Nachdem die Verbreitungsverträge für den Münchener Raum nun zum 31. Juli ausgelaufen sind (der ursprüngliche Abschaltungstermin vom 31. Mai wurde um zwei Monate nach hinten verlegt), soll der Rest Deutschlands bis Ende 2014 folgen. RTL und DVB-T – das war bereits seit Langem ein Missverständnis.
Dabei hatte alles so gut angefangen: Als das digitale terrestrische Antennenfernsehen 2003 in Deutschland startete, waren neben den öffentlich rechtlichen Sendeanstalten von ARD und ZDF auch die großen Privatsendergruppen von RTL und ProSiebenSat.1 mit an Bord. Damals allerdings erhielten die Privatveranstalter kompensatorische Leistungen der Landesmedienanstalten, wenn sie sich für eine DVB-T-Verbreitung ihrer Programme von mindestens fünf Jahren verpflichteten. 2005 jedoch erklärte die EU-Kommission diese Förderung für unzulässig, woraufhin sich die Privaten mit ihren Sendern in der Folge kaum noch am weiteren DVB-T-Ausbau beteiligten. Bereits damals stellten sich Fragen nach der Wirtschaftlichkeit der terrestrischen Übertragung für die Veranstalter.
Diese dürften auch im Vordergrund gestanden haben, als RTL gemeinsam mit dem Eutelsat in Köln im Oktober 2009 das Projekt Viseo Plus aus der Taufe hob. Mit diesem sollte zwar der DVB-T-Ausbau von RTL einen letzten Schub erfahren, allerdings in eine Richtung, die sich schnell als völlige Sackgasse entpuppen würde. Denn mit Viseo Plus, das faktisch terrestrisches Fernsehen mit Grundverschlüsselung und Receiver-Bindung bedeutete, offenbarte die Mediengruppe RTL ihr völliges Missverständnis für die Faktoren, die DVB-T bis heute in zahlreichen Gegenden Deutschlands trotz des begrenzten Senderamgebots zum Erfolg werden ließen und den Übertragungsweg für viele noch immer zu einer Alternative zum Kabel machen: Nämlich die Tatsache, dass DVB-T freien und günstigen Fernsehempfang so gut wie Überall bietet, und das völlig ohne Provider-Bindung.
Folgerichtig wurde es sehr schnell sehr still um Viseo Plus. Über das Startangebot in den Regionen Stuttgart und Leipzig mit den Sendern RTL, Vox, RTL2 und Super RTL, sowie den Pay-TV-Sendern RTL Crime und RTL Passion, kam das Projekt niemals hinaus. Ebenso wurden von Seiten RTLs und Eutelsats bis zum heutigen Tage keinerlei Nutzerzahlen veröffentlicht. Kein Wunder, denn angesichts des Angebots dürften sich diese wohl stark in Grenzen halten.Besonders kurios: Seit die Aufhebung der Grundverschlüsselung für die RTL-Free-TV-Sender in den Kabel- und IPTV-Netzen durch ein Urteil des Bundeskartellamts vom 27. Dezember 2012 beschlossene Sache ist, werden die DVB-T-Bounquets in Stuttgart und Leipzig schon in Kürze die einzigen klassischen Verbreitungswege sein, auf denen die RTL-Free-TV-Sender noch verschlüsselt ausgestrahlt werden.
Trotzdem wird das gescheiterte Experiment Viseo Plus aller Voraussicht nach noch bis zum 31. Dezember 2014 weiterlaufen. Danach ist bekanntlich Schluss mit der DVB-T-Übertragung von RTL. Für die Mediengruppe rechnet sich der Übertragungsweg nach eigenen Angaben nicht. Bei zu hohen Verbreitungskosten werden nach zu wenige Zuschauer erreicht, so die Begründung. Der gescheiterte Versuch, auf eigene Faust einen Signalschutz für Free-TV in SD-Qualität über einen ansonsten freien Empfangsweg zu etablieren, dürfte hintergründig ebenfalls nicht ohne Bedeutung sein.Dennoch wird RTL wohl insgeheim auch damit rechnen, das viele der Zuschauer, die DVB-T bisher als einzigen Empfangsweg genutzt haben, der Terrestrik spätestens Ende 2014 gemeinsam mit RTL den Rücken kehren und beispielsweise auf Satellit umsteigen. Ob man die betreffenden Zuschauer als Publikum für die eigenen Sender erhalten kann, ist dabei allerdings fraglich. Denn sie würden zwar über Satellit die RTL-Sender wiederfinden – darüber hinaus allerdings auch zahlreiche andere Sender, die über DVB-T nicht verfügbar sind. [Patrick Schulze]
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